Das Herz. Es wummert 24 Stunden am Tag und hat noch nie geschlafen. Damit ist es für funktional denkende Menschen eine Arbeitsmaschine, eine Pumpe. Die meisten Männer sind durch ihre maskuline Sozialisation in ihrer Denkweise funktional orientiert, während Frauen durch die feminine Erziehung eher ästhetischen Betrachtungsweisen folgen.

Bekommt ein Mann einen Herzinfarkt, liegt das meist an einem subjektiven Überlastungsempfinden, während Koronarerkrankungen bei Frauen häufig auf eine Unterversorgung des Herzens in der klassischen Symbolbedeutung zurückzuführen sind: Sie fühlen sich nicht geliebt.

Vor langer Zeit, im Jahr 2001 kam eine sechzigjährige Dame in meine Praxis, die seit geraumer Zeit in unregelmäßigen Abständen nächtliche Anfälle von Angina Pectoris erlitt. Dieses Symptom, hervorgerufen durch eine akute Minderversorgung des Herzens, verursacht quälende Schmerzen hinter dem Brustbein und erzeugt nicht selten ein Panikgefühl. Bei der Abfrage ihrer Lebensumstände gab sie an, sich in ihrer „erkalteten Ehe“ mit ihrem Mann „arrangiert zu haben“.

Zu Anfang ihrer Leidensgeschichte machte sich ihr Mann noch ernste Sorgen, besorgte Medikamente und kümmerte sich, so gut er konnte, um seine leidende Frau. Im Laufe der Zeit kamen ihre Anfälle aber immer häufiger und ihr Mann wurde immer hilfloser, bis sie sich darüber beklagte, dass ihr verständnisloser Gatte schließlich regelrecht genervt dazu überging, bei jedem Anfall den Notarzt zu rufen und seine Frau ins Krankenhaus abtransportieren zu lassen.

Ab da schlich sie sich nachts bei einem Anfall wie ein geprügelter Hund in die Küche und saß weinend und zitternd den Anfall aus. Ich brauchte ungefähr 30 Sekunden, um mir darüber klar zu werden, dass diese Frau ihrem Mann zeigen wollte, dass ihr „Herz unterversorgt“ war. Ein jedes Symptom hat eine Adresse, an die es sich richtet. Sie hoffte darauf, dass ihr Partner sie liebevoll in den Arm nehmen würde, sich für ihre Gefühle interessieren und sie verstehen würde. Sie wünschte sich nichts sehnlicher als Liebe, um die sie nicht zu kämpfen brauchte.

Er hingegen versuchte mit seiner „männlichen Art“, sie zu versorgen, Lösungen zu finden, und kam erst gar nicht auf die Idee, das Symptom zu interpretieren. Er brachte das Geld nach Hause, baute ihr ein Haus, arbeitete wie ein Pferd, und sie fragte sich offenbar die ganze Zeit, wo der Mann, der sie einst voller Verehrung geheiratet hatte, wohl geblieben sei. Den beiden fehlte ganz offenbar die gemeinsame „Sprache“. Ein lebenslanges Missverständnis brachte sie auseinander und hätte diese Frau beinahe getötet.

Dabei hätte sie lediglich die richtigen Worte finden müssen, um ihrem Mann klarzumachen, dass ihr Wohlstand und Luxus nichts brachten, wenn sie dabei keine erfüllte Partnerschaft hatte. Sie hätte ihn nicht mit Symptomen, die er ohnehin nicht verstand, erpressen dürfen, sondern hätte sich die Mühe machen müssen, ihm begreiflich zu machen, was sie wirklich wollte. Er hingegen hätte nur zu erkennen brauchen, dass nicht Haus, Geld und Schmuck der von ihr ersehnte Liebesbeweis waren, sondern Nähe, zuvorkommende Liebe, gemeinsame Zeit und Verständnis.

Seine Frau nachts einfach in den Arm zu nehmen, zu trösten, zu streicheln, an ihrem Haar zu schnuppern und mit ihr fantasievoll zu träumen, hätte mit Sicherheit mehr gebracht als jeder Notarzt. Und ich wette, liebe Leser, dass die maskulin Orientierten unter Ihnen nun denken: „Quatsch! Bei einem Angina-Pectoris-Anfall in den Arm nehmen und romantisch quasseln, das ist fahrlässig unterlassene Hilfeleistung.“ Und ich wette ebenso, dass die feminin Orientierten unter Ihnen genauso reagieren wie meine Kundin damals, als ich ihr meine Vermutung schilderte und sie den Zusammenhang zwischen kaputter Ehe und Herzanfall erkannte. Sie kämpfte mit den Tränen, weil sie sich zum ersten Mal wirklich verstanden fühlte. Sie jedenfalls gab mir recht.

Gemäß meiner Devise „Ohne Happy End geht bei mir keiner nach Hause“ führte ich mit ihr eine kleine Hypnose-Sitzung durch, in welcher sie sich in die Lage ihres Mannes versetzen sollte. Ich ließ sie einige Minuten lang nachempfinden, mit welchen Absichten er sie in die Klinik hatte einweisen lassen, und dabei seine Besorgtheit und Hilflosigkeit spüren, so dass sie seinen Liebesbeweis darin erkennen konnte.

Nach einigen Wochen bekam ich eine Rückmeldung von ihr. Sie war mit ihrem Mann im Urlaub gewesen. Nicht in einer komfortablen Hotelanlage, in der man sich den ganzen Tag aus dem Weg gehen kann – nein! Sie waren für zwei Wochen in einem gemieteten Wohnmobil unterwegs gewesen. Und sie sagte, es war für sie die schönste Zeit ihres Lebens, sie hätten sehr viel miteinander gesprochen! Ob sie in dieser Zeit einen Herzanfall hatte, hielt ich angesichts ihrer strahlenden Augen für überflüssig zu fragen. Ich bin aber sicher, sie bekommt nie wieder einen solchen.

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Diplompädagoge und Institutsleiter Andreas Winter hat in den letzten Jahren eine sehr individuelle und effektive Coaching-Methode entwickelt. Innerhalb kürzester Zeit entdeckt er im Rahmen seiner Analyse längst verschüttete Ursachen für Störungen, Ängste oder wieder kehrende psychische Probleme in der Gegenwart. Weil diese Patientengeschichten auch zum Nachdenken über das eigene Leben anregen, wollen wir sie hier regelmäßig veröffentlichen. (Die Namen und Daten der Betroffenen haben wir verändert.)

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