Wie Wärme uns im Alltag Geborgenheit schenkt

Stell Dir einen grauen Oktobernachmittag vor. Du bist auf dem Heimweg, die Einkaufstasche zieht an Deinem Arm, und der Wind treibt feine Regentropfen unter den Kragen. Vor dem Haus begegnest Du einer Nachbarin. Ihr wechselt ein paar Worte. Dann fragt sie: „Ich wollte mir gerade einen Tee machen. Hast Du Lust, mitzukommen?“

Eine Viertelstunde später sitzt Du an ihrem Küchentisch. Auf der Fensterbank steht eine etwas schiefe Pflanze, neben der Spüle wartet Geschirr. Ihr redet über den Tag. Als Du von etwas erzählst, das Dich beschäftigt, hört sie zu und fragt nach. Du merkst, dass Du Dir mit Deiner Antwort Zeit lassen kannst.

Vielleicht kennst Du solche Begegnungen. Hinterher ist der Himmel noch genauso grau, doch der Nachmittag hat sich verändert. Jemand hat sich über Deine Gesellschaft gefreut. Solche Augenblicke geben dem Wort Wärme eine Bedeutung, die weit über die Temperatur einer Tasse Tee hinausgeht.

BEI JEMANDEM ANKOMMEN

Bei welchen Menschen fühlst Du Dich wohl? Vielleicht fällt Dir eine Freundin ein, die auch nach längerer Funkstille sofort wieder vertraut ist. Oder jemand, neben dem Du schweigen kannst, ohne Dich für Deine Wortkargheit zu entschuldigen.

Geborgenheit zeigt sich oft darin, wie wir miteinander umgehen. Ein Mensch erinnert sich an Deinen schwierigen Termin und fragt am Abend, wie es gelaufen ist. Er lässt Dich ausreden, auch wenn Du noch nach Worten suchst. Du darfst anderer Meinung sein und bleibst trotzdem willkommen.

Gerade an einem anstrengenden Tag kann das viel bedeuten. Wer traurig ist, möchte vielleicht erst einmal erzählen. Ein vorschnelles „Das wird schon wieder“ beendet ein Gespräch leicht, bevor es richtig begonnen hat. Mit der Frage „Magst Du mir mehr davon erzählen?“ geben wir dem anderen Gelegenheit, selbst zu sagen, was ihn bewegt.

Dazu gehört auch, zuzuhören, ohne gleich einen Rat parat zu haben. Manchmal sitzen zwei Menschen eine Weile miteinander am Tisch, und ein Problem bleibt ungelöst. Trotzdem geht einer von beiden später mit dem guten Gefühl nach Hause, damit nicht ganz allein zu sein.

AUS EINEM IRGENDWANN WIRD EIN DIENSTAG

„Wir müssten uns unbedingt mal wiedersehen.“ Wie oft sagen wir diesen Satz und meinen ihn aufrichtig? Dann kommt der Alltag dazwischen. Eine Woche vergeht, noch eine, und irgendwann scheint die letzte Begegnung so lange her, dass wir den Anruf weiter aufschieben.

Es kann Überwindung kosten, sich nach längerer Zeit zu melden. Vielleicht fragen wir uns, ob der andere überhaupt noch Interesse hat. Eine freundliche Nachricht lässt ihm die Freiheit zu antworten und öffnet zugleich eine Möglichkeit: „Ich habe heute an Dich gedacht. Hast Du nächste Woche Lust auf einen Spaziergang?“

Ein konkreter Vorschlag hilft, aus dem Wunsch eine Verabredung zu machen. Eine halbe Stunde am Dienstag lässt sich eher im Kalender unterbringen als ein großes Treffen, für das erst alle Umstände stimmen müssen. Wir können zusammen eine Runde um den Block gehen oder uns auf dem Rückweg vom Einkaufen einen Kaffee holen.

Auch zu Hause dürfen Begegnungen einfach sein. Wer jemanden auf eine Tasse Tee einlädt, kann den Tee aufsetzen, während der Besuch schon am Küchentisch sitzt. Vielleicht steht dort noch ein Stapel Post. Das Gespräch muss deshalb nicht warten.

SICH AUCH EINMAL UMSORGEN LASSEN

Vielen von uns fällt es leichter, für andere da zu sein, als selbst etwas anzunehmen. Wir bringen einer Freundin Suppe vorbei, organisieren einen Besuch oder hören lange zu. Fragt dann jemand, was er für uns tun kann, antworten wir schnell: „Ach, lass nur. Es geht schon.“

Vielleicht möchten wir niemandem zur Last fallen. Vielleicht sind wir es so gewohnt, alles selbst zu regeln, dass uns eine andere Antwort erst später einfällt. Dabei kann eine kleine, ehrliche Bitte dem Gegenüber helfen: „Könntest Du mich morgen anrufen? Ich hätte gern ein bisschen Gesellschaft.“ Oder: „Ja, über eine Portion Suppe würde ich mich wirklich freuen.“

Wir dürfen ausprobieren, wie es sich anfühlt, ein freundliches Angebot anzunehmen. Beim nächsten Besuch einmal sitzen bleiben, während die Freundin die Tassen holt. Uns für eine Hilfe bedanken, ohne im selben Atemzug schon eine Gegenleistung zu versprechen.

Zu einem vertrauten Miteinander gehört ebenso, sagen zu können, wenn gerade etwas zu viel ist. „Heute brauche ich Ruhe. Wie wäre es am Donnerstag?“ hält den Kontakt offen und nimmt die eigene Kraft ernst. So können beide darauf vertrauen, dass ein Ja auch wirklich ein Ja ist.

EINE EINLADUNG FÜR DIESE WOCHE

Wenn Du magst, nimm Dir jetzt Deinen Kalender und Dein Telefon. Überlege, welchen Menschen Du gern wiedersehen würdest, und suche einen freien Zeitraum in den nächsten Tagen. Formuliere eine kurze Einladung mit einem konkreten Vorschlag, zum Beispiel: „Ich würde Dich gern mal wieder sehen. Hast Du am Mittwoch um vier Zeit für einen Tee bei mir?“

Wähle etwas, auf das Du selbst Lust hast und das wenig Vorbereitung braucht. Falls ein Treffen wegen der Entfernung schwierig ist, könnt Ihr Euch zum Telefonieren verabreden. Schicke die Nachricht ab, wenn der Vorschlag für Dich passt. Sollte der Termin ungünstig sein, könnt Ihr gemeinsam einen anderen suchen.

Vielleicht fällt Dir gerade niemand ein, den Du einladen möchtest. Dann könnte ein offener Treff in der Nachbarschaft, ein gemeinsamer Spaziergang im Verein oder eine regelmäßige Veranstaltung in der Bibliothek ein Anfang sein. Beim ersten Mal genügt es, hinzugehen. Aus wiederholten Begegnungen kann mit der Zeit Vertrautheit entstehen.

Und wenn Du demnächst selbst Besuch bekommst, lass ruhig etwas vom Alltag sichtbar. Schieb die Post ein Stück zur Seite, hol eine zweite Tasse aus dem Schrank und setz Dich dazu. Der Tee darf ziehen. Ihr habt Euch bestimmt etwas zu erzählen.

Danke für diesen Text an das www.dasgluecksmuseum.de